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Philipp Bobrowski

Ein Satz

„Wir sagen uns in einem Satz“, sagst du, „was uns in unserer Beziehung stört!“
„Gut“, sage ich und: „Fang du an!“
„Nein, ich möchte, dass du anfängst“, sagst du.
„Warum?“, frage ich.
„Es ist besser für die Konstruktion“, sagst du.
Ich verstehe nicht, gebe mich aber geschlagen.
„Ich denke“, sage ich, „wir sollten uns gegenseitig mehr Freiheiten lassen.“
„Ich denke“, sagst du, „weil es einfach zu einer guten Beziehung, die harmonisch ablaufen soll, was man sich ja wohl von jeder Beziehung, die wie unsere auf lange Sicht, das willst du doch auch, zumindest hatte ich, die ich, und zwar liebend gern, dass kannst du mir glauben, schon so viel investiert habe, dich so verstanden, halten soll, wünscht, dazugehört, dass du, und natürlich auch ich, wie du, und ich weiß, dass du würdest, antworten könntest, während ich aber der festen Überzeugung bin, dass ich, und jede meiner Freundinnen, denen du unrecht tust, indem du sie, die dir wirklich gut sind, nicht magst, bestätigt das, oft genug nachgegeben und, wirklich nicht immer gern, aber ich glaube eben an uns, zurückgesteckt habe, kompromissbereiter sein solltest.“
Dann atmest du wieder.

Verzögerter Reflex

Als Gärtner ist man nicht nur immer der Mörder. Auch der Umgang mit den Gartengeräten kann mitunter mörderisch oder doch wenigstens verletzend sein. Besonders, wenn diese verzögerte Reflexe haben.
So erging es mir vor wenigen Tagen, als ich mir, damit die Arbeit besser von der Hand geht, eine neue, kräftigere Motorsense zugelegt habe. Sie hatte ein scharfes Schneidwerk aus noch blitzblanken Messern, mit dem ich mit Freude mannshohen Brennesseln zu Leibe rücken wollte.
Der Benzinmotor grummelte gierig und ich setzte die Sense probeweise an einer freistehenden Nessel an. Sie widerstand mühelos. Ich hob mein Arbeitsgerät ein wenig an und musste feststellen, dass sich die Messer nicht bewegten. Ich stellte den Motor ab und begutachtete das Schneidwerkzeug. Fluchend suchte ich mit der rechten Hand zu ergründen, wo das Problem lag, als die Schneiden sich ihrer Aufgabe erinnerten und mit fehlendem Motorgeräusch, nur mit einem leichten Surren der Luft, unterbrochen durch das Krachen der Gelenkknochen, ihren Dienst aufnahmen.
Das war wirklich allerhand. Meine linke Hand ließ die Sense fallen. Ich betrachtete den Stumpf zu meiner Rechten. Er gefiel mir nicht. Auch wurde mir sofort bewusst, dass es für einen Gärtner mit nur einer Hand – noch dazu der linken – schwer werden dürfte, eine neue Anstellung zu finden. Auch als Mörder. Beides war vor allem Handarbeit und zwei gesunde Hände gehörten zum Handwerkszeug.
Die Hand musste also wieder dran. Ich sah meine Rechte eben noch linkerhand in den Brennnesseln verschwinden. Schöne Scheiße. Das brennt doch. Es war mir schon öfter aufgefallen, dass meine Hände nicht immer machten, was ich wollte, gelegentlich sogar den Dienst versagten. Aber meine rechte schien besonders eigensinnig zu sein und ich fürchtete, sie könne mir abhanden kommen. Ich ärgerte mich, dass ich der Brennnesseln wegen nicht schon vor dem ersten Sensentest die Arbeitshandschuhe übergezogen hatte. Nun war es zumindest für die sensible Rechte zu spät. Trotzdem zog ich die Handschuhe mit der Linken aus der Brusttasche meiner Arbeitshose, die glücklicherweise noch beide Beine bedeckte, ließ den unnötigen rechten kurzerhand zu Boden fallen und streifte in meiner Not den linken mit den Zähnen über die verbliebene Hand. Ich hätte den Handschuh öfter waschen sollen.
Bei der Suche nach meiner Rechten würde ich völlig freie Hand haben. Die Dame, der ich im Garten zur Hand ging, hatte sich glücklicherweise eine halbe Stunde zuvor zum Einkaufen verabschiedet.
Ich schaute auf den Brennnesselwald vor mir. Eine handbreite Schneise führte hinein. Die Spuren waren deutlich. Hier musste sie durchgebrochen sein. Ich folgte ihr anhand der Fingerabdrücke. Dabei hielt ich mir die Linke schützend vors Gesicht. Den handlosen und damit handlungsunfähigen Stumpf presste ich gegen den Latz meiner Arbeitshose, um die Blutung in den Griff zu bekommen. So fühlte ich mich einigermaßen gehandicapt. Außerdem wurde mir klar, sollte meine freie Hand mir einen Handstreich spielen, könnte sie sich leicht irgendwo in die Nesseln setzen und so meinen Blicken entgehen. Also suchte ich nach auffälligen Handzeichen und konnte schließlich ein Stück vor mir eine Handbewegung ausmachen.
Ich stürzte vor und beobachtete, wie meine Hand das Brennnesselgebüsch verließ. Als ich es ihr gleichgetan hatte, sah ich mich ihr gegenüber. Die Hand stand mit ihren Fingern auf einer Kuppe.
Ich überlegte, wie ich ihr handhabbar werden könnte. Sie beschäftigte sich derweil gelangweilt mit einigen Fingerübungen. Ich beschloss, mein entlaufenes Körperteil zunächst ganz vorsichtig und mit spitzen Fingern anzufassen. Sicher würden wir schnell handelseinig werden.
Ich rief also: „Hand, komm zu Herrchen!“ Aber sie ließ sich von mir nicht um den kleinen Finger wickeln. Ganz im Gegenteil. Sie gab keinen Fingerbreit nach, vollführte ein Handumdrehen, ließ sich auf den Handrücken fallen und streckte ihren – also meinen – Mittelfinger in die Höhe. Nach dieser unmissverständlichen Geste verkrampfte sie sich – wahrscheinlich vor Lachen, falls man einer Hand so etwas zutrauen möchte. Jedenfalls wirkte sie sehr fröhlich und hatte bei der ganzen Angelegenheit offensichtlich ein Finger-Spitzengefühl.
Ich lasse mir nicht gern den Finger zeigen. Schon gar nicht den eigenen. Diesem aufmüpfigen Körperteil musste das Handwerk gelegt werden, bevor die Sache überhand nahm. Fest entschlossen ihr Handschellen anzulegen stürzte ich mich auf meine Rechte. Da ich sie mit dem plötzlichen Angriff überraschte, wurde ich mit der Linken handgreiflich. Es gab ein heftiges Handgemenge, danach ein kurzes Händeringen. Die Entflohene war allerdings sehr fingerfertig und behände. Sie gebärdete sich wie eine Handgranate, erlangte wieder Handlungsfreiheit, sprang in die Luft, streckte die Fingerglieder, gab mir einen erneuten Fingerzeig, machte krumme Finger und landete überraschend in meiner rechten Hosentasche. Dort kannte sich der Langfinger natürlich bestens aus, schließlich war es seine Handtasche. Er versetzte meinem kleinen Handlanger einen kräftigen Händedruck und fingerte an den Bällen, um danach mit dem stets dort aufbewahrten Tennisball seine gelegentliche Unterkunft zu verlassen.
Mit den Fingerkuppen und dem Ballen Handball spielend jagte der heiße Handfeger in Richtung Terrasse. Dort zog er die Handbremse und sprang auf den Gartentisch, wo die Hausherrin noch ein Glas Spätlese und einen Teller mit handverlesenen Früchten stehen hatte.
Meine Hand steckte zunächst ihren Zeigefinger in das Glas und ich hörte ein deutliches Schlürfen. Ich staunte nicht schlecht: Im Handumdrehen war der Wein aus dem Glas verschwunden. Daraufhin setzte sie sich einen herumliegenden Fingerhut auf und machte sich über die Früchte her. Sie hielt sie wohl für Fingerfood und nahm jeweils eine ganze Hand voll. Ich nutzte die Gelegenheit und näherte mich dem Handteller.
Ich bemerkte sofort, dass meiner Hand der Wein wohl bis in die Fingernägel gestiegen war. Wie ich an ihren Bewegungen deutlich erkennen konnte, war meine Hand breit. Ihre Handfertigkeiten waren eingeschränkt, ihr Handling ließ zu wünschen übrig. Also vollführte ich mit der Verbliebenen einen wohl gezielten Handkantenschlag. Dann packte meine Linke zu. Mit einem handfesten Händedruck hielt sie ihre Kollegin im Griff. Wahrscheinlich war sie ein wenig eifersüchtig. Hand in Hand das Händchen haltend trugen wir die Hand ins Haus und klemmten sie eine Handbreit in ein Regal voller Handbücher, so dass sie handlungsunfähig war. Dann tackerte ich sie wieder an meinem Armstumpf fest. Es schmerzte ein wenig, doch Heilung muss ja ein bisschen wehtun, das ist nicht von der Hand zu weisen und jeder behandelnde Arzt würde dem zustimmen. Es braucht eben ein Händchen Geduld. Auch wenn es um die verzögerten Reflexe meiner Sense geht.

Morgens halb zehn in Rostock

Es ist morgens halb zehn in Rostock und ich sitze in der Kneipe. Das kleine Frühstück vor dem Schlafengehen. In geselliger Runde. Torsten tanzt mit Heidrun und einem Teil des Mobiliars zum griechischen Wein aus der Musikbox. Ob der Wein wirklich griechisch ist, weiß ich nicht. Aber er gibt die Flasche nicht mehr aus der Hand. Braucht er auch nicht. Der Tisch steht voll mit Gläsern, aus denen sich jeder, der zu uns gehört, bedienen kann. Manchmal sind wir uns allerdings nicht ganz sicher, wer zu uns gehört. Die beiden Typen in der Ecke, die sich seit mindestens drei Stunden Schläge androhen, wohl eher nicht. Das Mädchen mit dem aufgelösten blonden Zopf und dem Nilpferd-Arsch, an dem ich sie immer wieder erkennen werde und der zur Zeit auf Patricks Schoß platziert ist, inzwischen wohl doch. Ich bin ein wenig neidisch auf Patrick. Immerhin saß der Blondzopf vor einer halben Stunde noch auf meinem Schoß. Jetzt beginne ich allmählich am Unterleib zu frieren. Vermutlich, weil das Bier noch nicht getrocknet ist, das sie mir, wie sie sagte, versehentlich darüber gegossen hat. Ich greife nach dem Glas, das am nächsten steht, und gieße neues nach. Diesmal – so gut es geht – in den Mund.

„He, sag mal, was habe ich dir eigentlich getan?“

Richtig. Da ist ja noch dieser Typ, der vermutlich keinen anderen Namen besitzt und der wie seit undenkbaren Vorzeiten schon wieder mein Ohr zwischen seine fletschenden Kiefer genommen hat, um es genüsslich zu zermalmen.

„Ist das so schwer zu verstehen? Ich kann dich nicht leiden!“

„Warum denn nicht?“

Es ist zwecklos. Ich kenne das schon. Ich habe ihn ignoriert, beleidigt, beschimpft – er gibt nicht auf. Er scheint zu glauben, je aufdringlicher er wird, desto sympathischer kommt er rüber. Ich gehe aufs Klo. Er muss auch. Ich stöhne laut auf und frage ihn, ob das wirklich sein muss.

„Tja“, lacht er. „Wenn man muss, dann muss man.“

Vor dem Pissbecken höre ich mir einen Vortrag über den Farbwandel des Urins in Abhängigkeit vom Biergehalt im Blut an. Glücklicherweise fällt dem Typen, während ihm nur Pisse aus Mund und Schwanz kommt, ein ebenso redseliger Kerl in den Rücken. Er entschuldigt sich vielmals, als er ihn von den Fliesen kratzt. Ich bin schon wieder auf dem Weg zum Tisch, während der Typ sich noch eine Lösung für seine tropfenden Klamotten überlegen muss. Die beiden Schaumschläger, die sich immer noch anbrüllen, haben sich inzwischen gesetzt. Wahrscheinlich tun ihnen die Beine weh. Torsten und Heidrun fallen immer noch von einer Ecke in die andere. Einen zerbrochenen Stuhl haben sie dezent vor den Dart-Automaten geschossen. Patrick hat inzwischen die Hose aufgemacht. Nilpferdzopf wälzt sich dermaßen auf ihm rum, dass ich mir sicher bin, die Schmerzen werden ihn morgen an sie erinnern. Ich setze mich, schütte mir aus drei Biergläsern und einem Glas, das nach Jim-Beam-Cola riecht, einen neuen Drink zusammen und überlege, was jetzt zu tun ist. Einerseits würde ich gern wissen, ob mit dem Blond-Arsch noch was geht. Immerhin bin ich extra so lange geblieben, weil Sabine heute früh raus musste, um den Zug nach Berlin zu schaffen. Sicher, bis heute Abend habe ich noch Zeit, irgendjemanden aufzureißen, aber wer weiß, wie lange ich noch kann. Andererseits hat sich dieser Typ mit seinen bewässerten Klamotten angefreundet und bewegt sich schon wieder breit grinsend auf mich zu. Ich stehe auf, kippe mein Jim Bier auf ex und denke, treu zu sein kann auch nicht schaden.